„Jetzt keine Kapa­zi­täts­zah­lung­en für Kohle- und Gas­kraft­werke!“

Stahlgerippe eines Strommastes (Bild: DLR / A. Wüst; CC-BY 3.0)

Stahlgerippe eines Strommastes (Bild: DLR / A. Wüst; CC-BY 3.0)

Zusätzliche Zahlungen an die Betreiber von Kohle- und Gaskraftwerken sind gegenwärtig nicht erfor­der­lich, um die Stromver­sorgung in Deutschland sicherzustellen. Zu diesem Ergebnis kommen Wissen­schaftler deutscher Forschungs­institute in einer aktuellen Untersuchung. Sie weisen insbesondere darauf hin, dass derartige Zahlungen erhebliche ökonomische Risiken bergen und die Umsetzung der Energie­wende gefährden könnten. Die Forscher sprechen sich stattdessen dafür aus, den Strom­markt zu stärken, die Erzeugung erneuerbaren Stroms bedarfs­gerechter zu gestalten und den Ausbau von Netzen, Speichern und Nach­frage­manage­ment voranzu­treiben.

In einer aktuellen wissenschaftlichen Untersuchung kommen Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR, des Helmholtz-Zentrums für Umwelt­forschung UFZ und des Zentrums für Europä­ische Wirtschafts­forschung ZEW in Mannheim sowie der Freien Universität Berlin, der Universität Münster und der Universität Stuttgart zu dem Schluss, dass die Einführung eines gesonderten Kapazitäts­mechanismus kurz- bis mittel­fristig nicht notwendig ist, um die Versorgungs­sicherheit zu gewährleisten. Das Bundes­wirtschafts­ministerium prüft gegenwärtig, ob Kraftwerks­betreiber zukünftig für bereit­gehaltene Kapazitäten von Kraftwerken, unabhängig davon, ob sie tatsächlich Strom ins Netz einspeisen, entlohnt werden sollen.

„Bei der Diskussion um Kapazitätszahlungen darf nicht nur auf Versorgungssicherheit geschaut werden“, betont Dr. Paul Lehmann, Ökonom am UFZ. Entscheidend sei auch, welche zusätzlichen Kosten durch einen solchen staatlichen Eingriff auf die deutsche Volks­wirtschaft und die Stromver­braucher zukommen. Aufgrund fehlender Erfahrungs­werte und politischer Einfluss­nahme, so das Ergebnis der Studie, besteht die Gefahr von Fehlanreizen, durch welche der Weiter­betrieb unflexibler und CO2-intensiver Kraft­werke gefördert und so der angestoßene Umbau der Strom­erzeugung erschwert würde.

Weiterhin befürchten die Wissenschaftler, dass einmal gewährte Kapazitätszahlungen politisch nur schwer zurückzu­nehmen seien, auch wenn sich zukünftig herausstellen sollte, dass solche zusätzlichen Zahlungs­ströme ökonomisch nicht gerecht­fertigt sind. „Noch ist unklar, ob und in welcher Form Versorgungs­engpässe in Zukunft überhaupt auftreten werden“, stellt Matthias Reeg vom DLR-Institut für Technische Thermo­dynamik in Stuttgart klar. „Die Vorfest­legung auf derartige Zahlungen wäre zum heutigen Zeitpunkt äußerst proble­matisch.“

Grundsätzlich sei der Strommarkt in seiner heutigen Ausgestaltung durchaus in der Lage, auch zukünftig effizient Versorgungs­sicherheit zu gewähr­leisten. Allerdings könnten diverse markt­liche und staat­liche Ursachen, wie etwa die Marktmacht einzelner Strom­produzenten oder Unsicher­heit über die zukünftige Ausgestaltung der Energie­politik, die Funktio­nalität des Markts hemmen. „Maßnahmen, die diese Markt­hemmnisse reduzieren und die Funktions­weise des Strom­marktes fördern, sind aus heutiger Sicht der Schaffung eines neuen Kapazitäts­markts klar vorzu­ziehen“, hebt ZEW-Ökonom Dr. Dominik Schober entsprechend hervor.

Breites Maßnahmenbündel kann ausgeschöpft werden

Die Forscher befürworten daher ein breites Maßnahmen­bündel, um die Stromversorgung in Deutschland weiterhin sicherzustellen. Denn Versorgungs­sicherheit werde nicht nur durch den Einsatz von Kohle- und Gaskraft­werken garantiert. Wichtig sei es auch, den Strommarkt an die Bedürfnisse fluktu­ierender Strom­erzeugung anzupassen. Gleichzeitig müsse die Einspeisung von regenera­tivem Strom bedarfs­gerechter gestaltet werden.

Hierbei spiele vor allem die regelbare Stromerzeugung in Biomasse­anlagen eine wichtige Rolle, deren Flexibilitäts­potenziale trotz politischer Bemühungen nach wie vor kaum ausgeschöpft würden. Nach aktuellen Berechnungen liegt für die Biomasse bis zum Jahr 2020 ein Potenzial von bis zu 15 Gigawatt vor, das entspricht knapp einem Viertel der durch­schnitt­lichen Strom­nachfrage. Und auch die vermeintlich unflexible Strom­erzeugung aus Wind und Sonne könne einen stärkeren Beitrag zur Versorgungs­sicherheit leisten, wie dies etwa in Dänemark bereits heute der Fall ist.

Beispiels­weise können Photo­voltaik­anlagen gefördert werden, die nach Osten und Westen ausge­richtet sind und somit nicht primär in der Mittagszeit, sondern in den Morgen- und Abend­stunden Strom liefern. Zudem können entscheidende Beiträge für die Versorgungs­sicherheit auch durch den Bau von Netzen und Speichern sowie die Flexibi­lisierung der Nachfrage erreicht werden. Eine solche Flexibi­lisierung erfordere, dass die End­verbraucher­preise stärker Überangebote und Knappheiten am Strommarkt widerspiegelten als bisher. In Anbetracht dieser alternativen Handlungs­möglichkeiten raten die Wissen­schaftler daher zum gegen­wärtigen Zeitpunkt von der Einführung von weiteren Kapazitäts­zahlungen ab. (Quelle: DLR)

Referenzen: P. Lehmann et al.: „Braucht Deutschland jetzt Kapazitäts­zahlungen für eine gesicherte Stromversorgung?“ Energy-Trans Policy Brief 01/2015 • M. Reeg et al.: „Kapazitäts­mechanismen als Rettungs­schirm der Energiewende? Zur Versorgungs­sicherheit bei hohen Anteilen fluktu­ierender erneuerbarer Energien im Stromsystem.“ Energy-Trans-Diskussionspapier 01/2015

Link: Forschungsallianz Energy-Trans der Helmholtz-Gemeinschaft • Abt. System­analyse und Technik­bewertung (Chr. Schillings, C. Hoyer-Klick), Institut für Technische Thermo­dynamik, Deutsches Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Stuttgart

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