Mehr Sonnenstrom für Mieter

Mieterstromprojekt in Neulussheim. (Bild: Wircon)

Rund 1,7 Millionen Gebäude­eigentümer in Deutschland haben auf ihrem Dach eine Photo­voltaik­anlage installiert. Für Mieter hingegen war es bislang nicht so leicht, den kosten­günstigen Solarstrom zu nutzen. Ein Gesetz soll dies jetzt ändern: Neue Mieter­strom­modelle erhalten künftig je nach Größe der Anlage einen Zuschuss von 2,8 bis 3,8 Cent pro Kilowatt­stunde. Das hat der Bundestag am 29. Juni 2017 beschlossen. Das Gesetz tritt mit der Veröffent­lichung im Bundes­anzeiger in Kraft, voraus­sichtlich noch im Juli. Die Förderung hat das Ziel, Mieterstrom wirtschaft­licher zu machen. „Für Eigentümer von Mehr­familien­häusern lohnt es sich jetzt mehr, ihren Mietern Solarstrom zu verkaufen“, sagt Dr. Carsten Tschamber vom Solar Cluster Baden-Württemberg. Interes­sierte Vermieter sollten sich jedoch beeilen: Die neue Regelung ist auf 500 Megawatt pro Jahr begrenzt.

In Städten und Gemeinden werden Gebäude oft von mehreren Parteien zur Miete genutzt. Es kann daher keinen klassischen Eigen­verbrauch wie im Eigenheim geben, wo der Betreiber der Photo­voltaik-Anlage identisch mit dem Verbraucher des Stroms ist. Die Lösung lautet daher in solchen Fällen: Mieterstrom. Bei Mieter­strom errichtet der Gebäude­eigentümer eine Solar­anlage auf dem Dach und verkauft seinen Mietern den Solarstrom. Die Voraus­setzungen dafür im urbanen Raum sind günstig: Die Netz-Infrastruktur ist gut ausgebaut, der Bedarf nach Strom hoch und zur Verfügung stehen viele Dächer.

Auf Mietshäusern erzeugten Solarstrom direkt an die Bewohner zu verkaufen, könnte für Vermieter und Mieter gleicher­maßen attraktiv sein. Die Mieter profitieren von einem geringeren Strompreis. Da der Strom nicht durch das allgemeine Stromnetz geleitet werden muss, entfallen eine Reihe von Strompreis­bestand­teilen wie Netz­umlagen, Konzessions­abgaben, Netz­entgelt und Stromsteuer. Der Mieter erhält zudem klima­freundlichen Strom zu Kosten, die langfristig gut kalkulierbar sind. Strompreissteigerungen gibt es hier praktisch nicht.

Erzeugt die Solaranlage aufgrund der Witterung zu wenig Strom, versorgen sich die Mieter aus dem Netz. Nicht verbrauchter Solarstrom wird eingespeist und je nach Größe der Anlage mit 11 bis 12 Cent pro Kilowatt­stunde vergütet. Bei der Strom­rechnung ändert sich nichts: Die Mieter bekommen nach wie vor eine Rechnung in den Brief­kasten geworfen. Der Verbleib beim aktuellen oder auch der Wechsel zu einem anderen Strom­anbieter bleibt jederzeit möglich. Kein Mieter ist gezwungen, Mieter­strom abzunehmen, denn in Deutschland gilt die freie Wahl des Energie­versorgers.

Der Vermieter wiederum profitiert von der Wert­steigerung seines Objekts, den geringeren Nebenkosten für seine Mieter und einem besseren Image. Ein weiterer Vorteil: Mit einer Solarstrom­anlage auf dem Dach wird zudem das bundesweite Erneuer­bare-Energien-Wärme­gesetz (EEWärmeG) für Neubauten oder das baden-württembergische Erneuer­bare-Wärme-Gesetz (EWärmeG) für den Gebäude­bestand erfüllt – eine Investition in erneuerbare Energien, die ohnehin fällig geworden wäre.

Das Problem bisher: Für solare Mieterstrom­modelle fällt die volle EEG-Umlage in Höhe von aktuell 6,88 Cent pro Kilowattstunde an. Viele Projekte bewegten sich infolge­dessen nah an der Grenze zur Wirtschaft­lichkeit, besonders, wenn der Vermieter den Betrieb der Anlage, die oft aufwändige Abrechnung und die gesetzlichen Meldepflichten speziali­sierten Unternehmen überlies. Die Unternehmen zweigen sich dann zur Bezahlung einen Teil des Verkaufs­gewinns aus der Direktstrom­lieferung ab und zahlen dafür eine kleine Pacht an den Gebäude­eigentümer. „Für Vermieter haben sich Mieterstrom­projekte nur in Einzel­fällen gerechnet, auf dem Markt hatten sie daher nur geringe Chancen“, erklärt Carsten Tschamber. „Die Zahl realisierter Projekte blieb im niedrigen dreistel­ligen Bereich, vor allem Vorzeige­projekte wurden umgesetzt.“ Den Solar­strom­preis für die Mieter zu erhöhen, um in die Gewinnzone zu kommen, ist übrigens keine Alternative für die Gebäude­eigentümer: Die Mieter könnten dann wieder zu einem günstigeren Strom­versorger wechseln.

Die neue Regelung soll die Wirtschaftlichkeit jetzt verbessern. Immerhin rund die Hälfte der zu zahlenden EEG-Umlage wird durch den Zuschuss gedeckt. Die Hoffnung ist, dass mehr Vermieter Photovoltaik­anlagen auf ihren Mietshäusern bauen und damit die Energiewende auch in den Ballungsräumen voranbringen. Das Potenzial jedenfalls ist außerordentlich hoch: Rund zwanzig Prozent aller Mietwohnungen eignen sich für Mieterstrom, hat das Markt­forschungs­unternehmen Trendresearch ausgerechnet. Das sind insgesamt rund 4 Millionen Wohnungen, die Bundes­regierung geht von bis zu 3,8 Millionen aus. Zum Schutz der Mieter gilt bei geförderten Mieterstrom­projekten ein Höchstpreis von neunzig Prozent des örtlichen Grund­versorger­tarifs.

Kurz vor der Gesetzes­verabschiedung hatten die Regierungs­fraktionen noch eine letzte Änderung vorgenommen: Der Strom aus Mieterstrom­anlagen kann jetzt auch an Bewohner in benachbarten Gebäuden geliefert werden, sofern der Strom nicht durch das öffentliche Netz geleitet wird. Quartiers­lösungen sind damit künftig möglich. Die Änderung hatten unter anderem das Land Baden-Württemberg und die Solarbranche gefordert.

Die Gebäude müssen zu mindestens vierzig Prozent aus Wohnungen bestehen. Vermieter von Büro- und Verwaltungsgebäuden kommen also nicht in den Genuss der Förderung. Mit dieser Forderung konnten sich Verbände und Experten nicht durchsetzen. (Quelle: SCBW)

Referenz: Leitfaden Mieterstrom, Solar Cluster Baden-Württemberg e.V. (PDF)

Links: Themenseite „Mieterstrom: Energiewende im eigenen Haus“, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Berlin • Solar Cluster Baden-Württemberg e.V., Stuttgart

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